Haben wir verlernt Nichts zu tun?

Künstliche Intelligenzen und die Digitalisierung verhelfen uns weniger zu arbeiten und mal nichts zu tun. Fluch oder Segen?

Ich hatte gestern ein spannendes Gespräch mit einem mittelständischen Geschäftsführer aus Hamburg.  Wir haben uns auf einer Veranstaltung zum Kulturwandel der Arbeit kennengelernt. Der Herr, ich nenne ihn Thomas äußerte sich besorgt:

„Was ich generell vermisse im Thema Digitalisierung (gleich ob New Work o.Ä.) ist die Auseinandersetzung mit den Folgen. Was tun wir, wenn Maschinen unsere Arbeit ersetzen? Dann hätte der Einzelne mehr Zeit für andere Dinge zur Verfügung. Ich habe eine Mitarbeiterin, die weiß schon heute nicht, was sie mit sich selbst anfangen soll. Sie hat Sorgen vor der Antwort auf die Frage, was sie mit zusätzlicher Zeit anfangen soll.“

Und ich fragte mich „Haben wir etwa verlernt NICHTS zu tun?“

Mit NICHTS TUN meine ich wirklich NICHTS.

Kein Netflixen, nicht essen, kochen, lesen.

Sondern wirklich sitzen, stehen, liegen und vor sich hinstarren.

Wenn wir das tun, dann sind wir plötzlich alleine mit uns. Mit unseren Gedanken.

Der Stimme im Kopf, die die ganze Zeit plappert.

Die Stimme, die meist nörgelt, kritisiert (vor allem an sich selbst) und sowieso eher negativ ist.

„Du kannst doch jetzt nicht nichts tun“

„Du musst arbeiten“

„Was denken die anderen?!“

„Ich verpasse etwas!“

Und das macht vielen Angst.

Denn wer sind wir noch, wenn wir nichts tun?

Plötzlich kommen Fragen auf, auf die wir keine direkten Antworten haben.

„Wer bin ich eigentlich, wenn ich nichts tue?“

„Werde ich geliebt?“

„Warum gibt es Leben und Tod?“

Leider haben wir (zumindest ich) in der Schule nicht gelernt, damit umzugehen. Bis ich 29 Jahre alt war, habe ich gedacht, dass ich meine Gedanken bin. Die eben erwähnte meist negative Stimme im Kopf. Das war der größte Irrglaube in meinem Leben.

Ein inspirierendes Buch LEBEN IM JETZT von E.Tolle lehrte mich, dass dies nicht so sei. Erst verstand ich es nicht. Mein Verstand wollte und konnte es nicht verstehen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass mein Verstand diese Gedanken produziert. Das war vor 3 Jahren.

Plötzlich war ich nicht mehr die Marionette meiner Gedanken.

Besser noch: Durch die darauffolgenden Wochen, in denen ich Achtsamkeit und Meditation praktizierte, lernte ich meine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Mich ganz liebevoll von ihnen zu distanzieren. Es machte mir plötzlich Spaß NICHTS zu tun, denn dann hatte ich Zeit, mich selbst besser kennen zu lernen:

Was denke ich?

Was sind die daraus entstanden Gefühle?

Wie und wo fühle ich etwas?

Warum denke, fühle und handle ich, wie ich es tue?

Jeder meiner Freunde und Familie, die ebenfalls auf diese Forschungs-Reise ‚nach Innen‘ gegangen sind, berichten von einer inneren Zufriedenheit, die seither besteht.

Ich gebe zu, Selbsterforschung ist nicht immer leicht. Vor allem nicht, wenn die eigenen Schattenseiten sich zeigen, aber die Befreiung danach ist jede Mühe wert. Plötzlich spürt man eine innere Stabilität, einen Raum voller Vertrauen und Optimismus. Eine Gelassenheit.

Manchmal spüre ich noch Angst vor bestimmten Ereignissen oder Situationen. Ich beobachte sie dann, manchmal verfliegt diese Angst nach 1-2 Minuten, manchmal entsteht aus der Angst eine alternative (bessere) Idee (Danke, an dieser Stelle an meine Gefühle!). Was auch passiert, ich beobachte, denn ich weiß jetzt, dass es nur Gedanken und Gefühle sind. Sie sind mein Kompass, der mir den Weg leitet. Ich habe sie aber ich identifiziere mich nicht mehr mit ihnen.

Ich würde mir deshalb wünschen, dass mehr Menschen NICHTS TUN, dass sie einfach nur SIND.

Um dann zu erfahren, dass sie mehr sind als ihr Image, ihr Status, das Tun & Handeln und ihre Gedanken.

Was wir wirklich sind, erfahren wir erst in der Stille.

Das Gefühl der Fülle, welches man in der Stille erfährt, möchte man nicht mehr hergeben.

Das wünsche ich mir auch für Thomas Mitarbeiterin.

Jutta Reinke

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